Kaiser Heinrichs Romfahrt
Zur Inszenierung von Politik in einer Trierer Bilderhandschrift des 14. Jahrhunderts
Eine Ausstellung des Landeshauptarchivs Koblenz/Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz vom 15. März bis 26. Mai 2000 im Landeshauptarchiv Koblenz.
Kaiser Heinrichs Romfahrt, eine der bekanntesten Bilderhandschriften des 14. Jahrhunderts, zählt zu den bedeutendsten Schätzen des Landeshauptarchivs Koblenz, wo sie unter der Signatur 1 C 1 aufbewahrt wird. Die Bilderchronik war ursprünglich dem sog. Balduineum I vorgebunden, einer um 1340 entstandenen Sammlung der wichtigsten das Bistum Trier betreffenden Urkunden. Die Bilderhandschrift schildert die Romfahrt, die König Heinrich VII. in den Jahren 1310 bis 1313 gemeinsam mit seinem Bruder Erzbischof Balduin und dem dritten der Brüder, Walram von Luxemburg, sowie seiner Gattin Margarethe unternommen hatte. Heinrich wollte die Kaiserkrone erlangen und die Herrschaft über Reichsitalien wiederherstellen. Gleichsam in einer Art Einleitung berichtet die Bilderhandschrift über Ereignisse der Jahre 1308 bis 1310, namentlich die Bischofsweihe Balduins sowie Königswahl und Königskrönung.
Die Bilderhandschrift besteht aus 37 Pergamentblättern, deren Größe von ca. 24 x 34 cm ein großzügiges Layout ermöglicht: 36 Blätter zeigen zwei übereinander angeordnete Bilder von je 15 x 11 cm, die zunächst einzeln gerahmt sind und dann von einem gemeinsamen Rahmen umfangen werden. Der Zwischenraum wird dazu genutzt, kurze lateinische Erläuterungstexte anzubringen. Sämtliche Bilder sind mit der Feder treffsicher entworfen. In den zahlreichen Überschreitungen des Rahmens kommt ein besonderer Anspruch auf Kunstfertigkeit zum Ausdruck. Die vielen von links nach rechts vorbeipreschenden Reitergruppen wirken dagegen eher monoton. Die spätere Ausgestaltung mit Wasserfarben läßt mehrere Arbeitsschritte erkennen. Es gibt deutliche Unterschiede zwischen den drei Lagen der Handschrift sowie zahlreiche nachträgliche Veränderungen, etwa schwarz nachgezogene Konturen oder später dazugefügte Fahnen mit Wappen. Auch die Beschriftung weist eine Reihe von Korrekturen und Ergänzungen auf, und nicht zuletzt haben verschiedene Hände seit dem 14. Jahrhundert Kommentare an den Rand der Handschrift geschrieben. Aus dem Rahmen fallen zwei Blätter, fol. 10 mit seiner vollständigen Ausmalung mit Deckfarben, vielleicht eine Musterseite für eine zunächst geplante aufwendigere Ausgestaltung der Handschrift, und die ganzseitige Darstellung des Grabmals Kaiser Heinrichs in Pisa, die auf fol. 37 den prachtvollen Schlußpunkt der Handschrift bildet.
Wann und wo die Bilderhandschrift entstanden ist, konnte bisher nicht eindeutig geklärt werden. Mögliche Vorbilder lassen sich in der Pariser Buchmalerei finden. Eine Datierung im Zusammenmhang mit der Herstellung der Balduineen um 1340 ist denkbar, aber auch eine Entstehung im Vorfeld, in den Jahren ab 1330. In jedem Fall muß man die Bilderhandschrift, die Einleitung (Prooemium) und die Urkunden des Balduineums I als Einheit verstehen. Die Handschrift wurde von Erzbischof Balduin in seinem Palast in Trier aufbewahrt, was erste Hinweise auf ihre Verwendung gibt. Auch die Nachträge und Korrekturen lassen eine intensive Benutzung erkennen.
Die Bilderchronik hält die einzelnen Ereignisse eines bedeutenden Kapitels der Reichsgeschichte, an dem Angehörige des Hauses Luxemburg maßgeblich beteiligt waren, für die Nachwelt fest. An der Romfahrt nahmen auch viele Adelige aus Luxemburg und Trier teil, die einen großen Anteil des Reichsheeres stellten. Die Handschrift mit ihren zahlreichen Wappen bewahrt auch das Andenken an die Taten dieses Personenkreises. Und nicht zuletzt diente die Bilderchronik, in der Tod und Begräbnis mehrerer Verwandter einen breiten Raum einnehmen, auch als Memorienbuch des Hauses Luxemburg. Die Grabmäler von Walram, Margarethe und Heinrich lagen im fernen Italien, die Trierer Bilderhandschrift dokumentierte ihr Aussehen und forderte die Betrachter auf, für das Seelenheil der Verstorbenen zu beten.
Die Zeichnungen von Kaiser Heinrichs Romfahrt erweisen sich bei näherer Betrachtung als Schlüsseldokumente zur Reichs- und Verfassungsgeschichte des späten Mittelalters, erschliessen insbesondere die Rituale der Politik: Dargestellt werden auf den 19 Tafeln der Ausstellung Ereignisse wie Wahlen und Krönungen, feierliche Einritte und Huldigungen, Gastmähler und Turniere, Heiraten und Begräbnisse, die stets nach bestimmten Regeln in Szene gesetzt wurden. Die Bilderhandschrift enthält aber auch zahlreiche Hinweise zur Geschichte der Kriegsführung, der Liturgie und nicht zuletzt auch des "kleinen Mannes", der die Schiffe steuerte, die Wagen lenkte und bei den Festmählern die Speisen servierte.



