Vor 60 Jahren
Der 5. Juni 1944. Luftkrieg im Raum Koblenz.
Am 5. Juni 1944 erschien im "Nationalblatt", dem amtlichen Organ der NSDAP eine "Warnkreiskarte für Luftangriffe", die der Bevölkerung die Einschätzung der stündlichen Luftlagemeldungen erleichtern sollte. Diese Karte und die erläuternde Berichterstattung macht deutlich, wie intensiv der Alltag der Menschen zu diesem Zeitpunkt von den Angriffen der alliierten Flieger bestimmt wurde. Bis 1944 gehörte Koblenz mit dem Mittelrhein zu den wenigen Gebieten im Deutschen Reich, die in nur geringem Maße vom Luftkrieg betroffen waren. Erst im letzten Kriegsjahr zeigte sich auch in der Stadt an Rhein und Mosel der ganze Schrecken aus der Luft.
Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges im September 1939 bestätigten sich die Befürchtungen der Bevölkerung in Bezug auf die zu erwartenden Luftangriffe der Alliierten vorerst nicht. Erst nach dem Beginn des Frankreichfeldzuges begannen die Briten mit ersten Bombenabwürfen. Zu einer ständig präsenten Bedrohung, die vor allem den Alltag der Zivilbevölkerung bestimmte, wurde der Luftkrieg seit Sommer 1943. Dabei richteten sich die Bomben aus der Luft nicht nur gegen militärische oder industriell und verkehrstechnisch bedeutsame Ziele sondern auch gegen die Zivilbevölkerung, gegen Frauen, Kinder, Alte und Kranke, gegen Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene. Aber nicht nur im Bereich des Deutschen Reiches, auch im benachbarten Ausland kam es immer wieder zu Notabwürfen, fehlgeleitenen Angriffen oder der Bombardierung von Rückzugswegen deutscher Truppen.
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Die Stadt Koblenz war zwar nicht wie andere Städte und Bereiche im Gebiet des heutigen Bundeslandes Rheinland-Pfalz aufgrund wichtiger industrieller oder militärischer Anlagen ein Ziel der Bombenflugzeuge, es waren vielmehr die wichtigen verkehrstechnischen Einrichtungen in der Stadt an Rhein und Mosel die immer wieder Ziel des Luftkrieges wurden. Seit Anfang Mai 1940 kam es zu vorerst vereinzelten Abwürfen von Fliegerbomben auf die Stadt. Am 6. April 1942 explodierten zum ersten Mal Fliegerbomben mitten im Stadtgebiet und forderten neun Todesopfer. Am 7. April wurde die Bevölkerung durch die propagandistische Berichterstattung des "Nationalblattes", des Organs der NSDAP im Gau Moselland über den Angriff informiert. Unter der Überschrift "Britenbomben auf Wohnhäuser über Koblenz" wurde die "ruchlose Kampfesweise" als "feiger und schamloser Angriff" schwer verurteilt. Viele Koblenzer hatten die Sirenen überhört und den Angriff verschlafen. Das sollte sich spätestens seit Anfang 1944 ändern.
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Der Raum Koblenz lag im direkten "Aktionsradius der französischen und englischen Luftwaffe". Dementsprechend begann man bereits vor dem Krieg mit Verdunklungs- und Alarmübungen, die die Bevölkerung mit den möglichen Gefahren des "modernen Luftkrieges" vertraut machen sollten. Ende des Jahres 1940 war mit dem Bau von acht Hoch- und sieben Tiefbunkern begonnen worden. In diesen 15 Schutzanlagen konnten insgesamt ca. 8000 Personen untergebracht werden, was bei einer Gesamtbevölkerung von 91 000 Menschen nur ein Tropfen auf dem heißen Stein gewesen ist. Es ist aber zu berücksichtigen, dass es noch andere Schutzräume wie z.B. in Hauskellern, Weinkellern, großen Kellern von Betrieben und in Stollen gab, die für den Luftschutz ausgebaut und eingerichtet wurden. Darüber hinaus richtete man seit 1943 Splittergräben ein, die zumindest gegen Flak- und Bombensplitter einen gewißen Schutz boten. Insgesamt wurden die Luftschutzmaßnahmen bis Mitte 1943 noch nicht mit großem Nachdruck betrieben. In den ersten Kriegsjahren konnte sich niemand das Ausmaß der zukünftigen Luftangriffe vorstellen. Dennoch war die Ausstattung der Stadt mit Lufträumen als verhältnismäßig günstig anzusehen, was sicherlich auch ein Grund dafür war, dass die Zahl der Todesopfer im Vergleich relativ gering blieb.
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Obwohl es seit Frühjahr 1942 immer wieder Luftangriffe gab bei denen auch Todesopfer und Verletzte zu beklagen waren, war der Mittelrhein eines der wenigen Gebiete im Deutschen Reich, das bis 1944 am wenigsten von Luftangriffen betroffen wurde. "Die Evakuierten und die Fliegergeschädigten, die in Scharen an den Mittelrhein flüchteten, kamen in einen friedlichen Landstrich, in dem der Luftkrieg eigentlich mehr nebenher zur Kenntnis genommen wurde." Dies änderte sich allerdings im Jahre 1944 drastisch. Neben den Angaben zu Verdunklungszeiten, die seit langem zu einem festen Bestandteil der Zeitungsberichterstattung geworden waren, nahmen auch die Propaganda gegen den Luftkrieg der Allierten und die Hinweise auf notwendige Verhaltensmaßregeln im Angriffsfalle einen immer breiteren Raum in der regionalen Tagespresse ein. Spätestens seit März 1944 wurde der Alltag der Menschen im Raum Koblenz in immer größerem Ausmaß von den Angriffen der alliierten Flieger bestimmt. Die Fliegeralarme erhielten die völlige Dominanz im Leben der Menschen auch in der Stadt an Rhein und Mosel.
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Die stündlichen Luftlagemeldungen wurden dementsprechend für die Menschen schnell unentbehrlich und wurden sehr aufmerksam verfolgt. Als Hilfestellung für das Abhören der Rundfunk- und Drahtfunkmeldungen wurden in der Tagespresse Übersichtskarten veröffentlicht, wie auch am 5. Juni 1944. Da die ungefähre Geschwindigkeit der feindlichen Flugzeuge bekannt war, war es anhand dieser Karte möglich, einzuschätzen, wann die Luftangriffe erfolgen würden. Ergänzt wurde der Abdruck der Karte mit ausführlichen Artikeln über das richtige Verhalten bei Angriffen. "Die Angriffe auf Koblenz, Ehrang, Konz und Luxemburg haben bewiesen, dass unser Gaugebiet täglich mit den Angriffen anglo-amerikanischer Terrorflieger zu rechnen hat. Die Gefahren für die Bevölkerung haben sich in der letzten Zeit stark vermehrt, zumal fast täglich Einflüge über unser Warngebiet erfolgen." Wie auch in der Berichterstattung dieses Tages wurde immer wieder versucht, mit drastischen Illustrationen und Beschreibungen die feindlichen Angriffe als
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völlig "unnötige Terrorangriffe" und als "feigen Mord gegen Frauen und Kinder" darzustellen. Aber auch diese Artikel waren nicht dazu geeignet, die Stimmung innerhalb der Bevölkerung zu heben. Allein schon die stündlichen Durchsagen über die Luftlage verdeutlichten den Menschen, wie ungehindert sich die US-Air Force und die Royal Air Force im Luftraum des Deutschen Reiches bewegen konnten, was trotz intensiver Propaganda Schlüsse auf den Stand des Kriegsverlaufs zuließ.
Auch die Bemühungen, Schulkinder und Mütter mit Kleinst- und Kleinkindern aus den gefährdeten Angriffsgebieten in die sicheren Bereiche beispielsweise der Eifel und des Westerwaldes zu bringen, wurden im Laufe des Jahres 1944 immer mehr intensiviert. Bis Anfang 1944 hatten bereits 10.000 Personen Koblenz verlassen. Seit Januar 1945 war die Stadt fast
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vollständig geräumt, nur 14.130 Menschen erlebten den Einmarch der Amerikaner. Insgesamt wurde Koblenz vom 19. April 1944 bis zum 29. Januar 1945 Ziel von 37 Bombenangriffen. Mindestens 1016 Zivilisten starben im Bombenhagel und Feuersturm. Mehr als 1.100 Menschen wurden verletzt. 63% der Stadt und 87% des Stadtkerns waren zerstört. Der Luftkrieg hatte auch im Raum Koblenz deutliche Wunden hinterlassen.
Quellen
- LHAKo Bestand 710, Nr. 53. Amerikanische Bomber über Koblenz am 19. September 1944
- LHAKo Bestand 710, Nr. 3403. Koblenz im April/Mai 1945
- LHAKo Bestand 712, Nr. 1770 Ü. Karikatur aus der von der Reichspropagandaleitung der NSDAP herausgegebenen "Parole der Woche", Nr. 43 v. 21. Oktober 1942.
- LHAKo Bestand 712, Nr. 458. Verhaltensregeln für die Bevölkerung bei Flakfeuer, 1940
- LHAKo Bestand 712, Nr. 3746. Plakat der Propagandaleitung der NSDAP Gau Moselland 1944
- LHAKo Bestand 712, Nr. 3747. Plakat der Propagandaleitung der NSDAP Gau Moselland, 1944
- LHAKo Bestand 713, Nr. 34. Nationalblatt. Amtliches Organ der NSDAP, 1944
Literatur
- D. Busch: Der Luftkrieg im Raum Mainz während des 2. Weltkrieges 1939-1945 (Veröffentlichungen der Kommission des Landtages für die Geschichte des Landes Rheinland-Pfalz, Bd. 9), Mainz 1988
- J. Friedrich: Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940-1945, München 2002
- L. Kettenacker (Hg.): Ein Volk von Opfern ? Die neue Debatte um den Bombenkrieg 1940-45, Berlin 2003
- H.J. Mack unter Mitwirkung v. A. Meyer-Detring u. P. Voss: Das Kriegsende in Rheinland-Pfalz. Kämpfe und Besetzung 1945 ( Veröffentlichungen der Kommission des Landtages für die Geschichte des Landes Rheinland-Pfalz, Bd. 24), Mainz 2001 (Verlinken)
- H. Schnatz: Der Luftkrieg im Raum Koblenz 1944/45. Eine Darstellung seines Verlaufs, seiner Auswirkungen und Hintergründe ( Veröffentlichungen der Kommission des Landtages für die Geschichte des Landes Rheinland-Pfalz, Bd. 4), Boppard 1981







